12.05.2008

 Showdown Olympia: Zerbricht Chinas aufblühende Rolle in der IT-Industrie an der Großen Firewall?

02.05.08

Kategorie: IT-Sicherheit

Lothar Lochmaier zum Thema Showdown Olympia:
Zerbricht Chinas aufblühende Rolle in der IT-Industrie an der Großen Firewall?


Wahrscheinlich nicht, könnte man jetzt, pfeilschnell wie eine Gazelle, aus der Hüfte geschossen ant-worten. Doch lässt sich hier nur schwerlich über die Zukunft orakeln. Das überlassen wir mal lieber den „Spekulanten“, wie an der Börse. Dort herrscht bei den Leitindexen derzeit ein gewisser Seitwärtstrend. Auch der Hang Seng, die chinesische Variante, hat schon einige Aufs und Abs dieses Jahr hinter sich.

Statt über den künftigen Trend zu spekulieren, lieber ein paar Hintergründe: Nach Auffassung der Marktforscher vom European Information Technology Observatory (EITO) wächst der chinesische IT-Markt auch weiterhin zweistellig. Die Prognose für dieses Jahr sieht gegenüber dem Vorjahr im Bereich Software einen Zuwachs von 20,8 Prozent vor. Im Sektor der IT-Services soll das Wachstum immerhin noch 19,4 Prozent betragen.

Im vergangenen Jahr lag der mit Softwareprodukten erzielte Umsatz somit bei 3,2 Milliarden Euro, und bei rund 3,7 Milliarden Euro im Bereich der IT-Services. Auch internationale Spieler scheinen auf das Land zu setzen, ungeachtet aller derzeit herrschenden politischen Turbulenzen vor der Olympiade. Denn schließlich bieten große Events wie die Olympischen Spiele für Unternehmen die Möglichkeit, sich sowohl der ganzen Welt als auch im Land China selbst zu präsentieren, sofern die Service Level Agreements (SLA) durch das erodierende rechtliche Fundament dabei nicht ausgehebelt werden.

China war auf der diesjährigen Cebit mit rund 500 das Land mit den meisten Ausstellern. Das Reich der Mitte trachtet danach, auch als Standort für IT-Offshoring dem großen Rivalen Indien weitere Marktanteile abzutrotzen. Die nationalen Firmen haben sich teilweise mit sehr eigenständigen und innovativen Produkten im chinesischen Markt bereits durchgesetzt, sind aber noch von kleinen und mittelständischen Strukturen geprägt. Kaum der Rede wert also?

Aufgrund der aktuellen politischen Großwetterlage dürfte sich das ohnehin kritische deutsche Stim-mungsbarometer auch weiterhin vor allem auf die Nearshoring-Märkte in Richtung Osteuropa oder die baltischen Länder richten. Gerade für Mittelständler scheint dies ohnehin die bevorzugte Option zu sein. Die passende diplomatische Formulierung liest sich wohl so: Solange in China die rechtlichen, sprachlichen und kulturellen Barrieren zu hoch sind, stellt auch Indien auf ungewisse Zeit noch die bessere Wahl dar.

Zumindest derzeit erscheint der Tiger weit stabiler als der Drache, obwohl sich auch dort politische Unwägbarkeiten, sprich soziale Unruhen, nicht völlig ausschließen lassen. Jedes Kastensystem erhöht das Risiko eines unbemerkten Remote Managements. Deshalb nur eines: Das derzeitige Olympia-Szenario eignet sich für Unternehmen gleich welcher Größenordnung als lebendiges Schaufenster, aus dem nicht nur die Verantwortlichen in der IT-Sicherheit lernen können.

Der aktuelle Branchentrend zeigt indes, dass sich das große heterogene Reich der Mitte trotz seiner politischer Turbulenzen jenseits von „Low Cost Bereichen“ in der modernen IT-Welt etablieren wird. Noch aber fehlt es an einer ausgereiften Infrastruktur und versiertem Fachpersonal. Zu schaffen machen den Unternehmen auch weiterhin sprachliche und kulturelle Barrieren.

In den Bereichen Software und Business Process Outsourcing (BPO) hat sich das Reich der Mitte aber schon heute eine gute Reputation erarbeitet. China wird in diesen expandierenden Märkten aufholen, wann immer neue Firmen entstehen, und auch die notwendigen Sprachkenntnisse, das kulturelle Verständnis und der entsprechende Rechtsrahmen stimmen, um ein attraktives Umfeld für diese „White Collar“-Branchen zu bieten.

Die politischen Rahmenbedingungen zwischen China und Indien lassen sich aber kaum vergleichen. Nach wie vor herrscht sowohl hier wie dort große Armut vor. Mit Blick auf die Kalkulierbarkeit eines Investitionsvorhabens lassen sich deshalb kaum verallgemeinerbare Aussagen treffen. Sicherlich, das bloße Recht auf geistiges Eigentum erscheint im westlicher geprägten Selbstverständnis Indiens besser abgesichert.

Deutlich wird die paradoxe Situation aber auch an dieser auf den ersten Blick etwas seltsam anmutenden Gedankenführung: Infolge eines im Reich der Mitte stärker als in Indien autokratisch organisierten Staatswesens sind dort gewichtige Entscheidungen theoretisch sogar rascher möglich. Das Rad in der Wirtschaft dreht sich oftmals auch jenseits der großen politischen Handlungsfäden einfach weiter, egal wie man dazu steht.

Die zentrale Gestaltungsmacht im Reich der Mitte könnte sich somit auch „förderlich“ auf infrastrukturelle Vorhaben in der IT-Welt auswirken, wenn es etwa darum geht, ein neues Projekt in kürzester Zeit „auf der grünen Wiese“ zu etablieren. Eine groteske und zynische Formulierung? Nicht unbedingt. Fakt ist, aus der Einbahnstraße wird in den nächsten Jahren ein Austausch in verschiedene Richtungen folgen.

Chinesische Firmen sind bereits auf den europäischen Märkten aktiv, was sowohl organisches als auch anorganisches Wachstum bedeutet. Chinesisches Kapital wird verstärkt eine Rolle spielen, sei es durch Staatsfonds oder Firmenübernahmen. Ähnlich wie amerikanische Unternehmen sich zu globalen Marken entwickelt haben, werden auch chinesische Marken dies tun. Liegt darin auch eine neue Chance?

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